MOF#016 Modelfotografie im Lost Place – Tipps für ein sicheres Shooting

„Bist du schon soweit?“ ruft Sabine mir plötzlich auffällig laut aus dem Inneren des baufälligen Gebäudes, vor dem ich Schmiere stehe, weil sie drinnen gerade das Outfit wechselt. Komische Frage, eigentlich warte ich auf sie. Aber im selben Moment sehe ich, warum sie ruft. Modelfotografie in Lost Places birgt ihre Gefahren und Tücken. Davon will ich euch hier erzählen.

Warum eigentlich Fotoshootings in Lost Places?

Lost Places, also verlassene Orte, meist verlassene Gebäude, die dem Verfall preisgegeben wurden, haben eine magische Anziehungskraft auf viele Fotografen. Und zwar nicht nur auf solche, die den Lost Place selbst im Bild festhalten wollen, sondern auch auf Peoplefotografen, die den Lost Place als Kulisse für Model-Shoots nutzen wollen. Immer wieder sieht man Bilder von hübschen Frauen in hässlichen Häusern, von reiner Haut vor rissigen Wänden, von Tattoos inmitten von Graffittis, von frischer Jugend in vergammelten Mauern. Gegensätze also. Das ist es, was ich an solchen Bildern besonders spannend finde. Auch kann man an solchen Orten Bilder mit ganz eigentümlichen Stimmungen aufnehmen. Die Vergänglichkeit, das Düstere und das Unheimliche werden hier greifbar. Man signalisiert mit solchen Bildern  evtl. auch Abenteuerlust, Nervenkitzel, Risikobereitschaft und Kreativität.

Besonders beliebt sind z.B.

  • Ehemalige Wohnhäuser
  • Ehemalige Kliniken
  • Ehemalige Hotels
  • Ehemalige Bunker
  • Ehemalige Industrieanlagen
  • Ehemalige Lagerhallen

Lost Places – Risiken und Absicherung

Was auch immer du tust, handle verantwortungsvoll! Du hast als Fotograf die Verantwortung für dich selbst, für deine Ausrüstung aber natürlich auch für weitere Personen (Visa, Model), die bei dem Shooting anwesend sind. Außerdem hast du die Verantwortung für Nachahmer. Wer deine Bilder sieht, fühlt sich vielleicht bewogen, auch dorthin zu gehen. Zwar hast du juristisch gesehen wohl diese Verantwortung nicht, auch nicht für Visa und Model. Es lohnt sich evtl. auch, im Vertrag über das Shooting (egal of Pay oder TFP) eine gegenseitige Haftung für gesundheitliche Schäden auszuschließen. Zumindest schärft das das Bewusstsein für die Eigenverantwortung jedes Einzelnen. Dennoch: Eine moralische Verantwortung hast du allemal! Hast du das Shooting organisiert und den Lost Place gefunden und kommt eine beteiligte Person zu Schaden, passiert das evtl. sogar aufgrund dessen, dass du vorgeschlagen hast, doch noch etwas höher auf diese bröckelige Mauer zu klettern, wirst du es evtl. schwer haben, ein gutes Gewissen zu behalten.

Einsturzgefahr und Baufälligkeit

Viele verlassene und nicht mehr instandgehaltene Gebäude bergen eine gewisse Einsturzgefahr. Informiere dich möglichst vor dem Betreten darüber. Ist eine Einsturzgefahr gegeben, betretet das Gebäude nicht, sondern shootet nur um das Gebäude herum. Oft ergeben sich da auch spannende Kulissen in Einfahrten, Türrahmen, auf Vortreppen o.ä.

Mit einem Teleobjektiv kann man außerdem das Model vor dem Gebäude und Teile des Gebäudes oder dessen Innerem in direkte visuelle Beziehung setzen, ohne dass das Model direkt im Gebäude sein muss. Die Blende musst du dann natürlich etwas schließen, damit der Hintergrund nicht zu unscharf wird. Denke auch an solche Tricks, die das Shooting vielleicht weniger riskant machen.

Wagt ihr euch trotzdem ins Gebäude, bleibt immer auf sicherem Boden! Immer mit einem Fuß vorfühlen, bevor du das Gewicht darauf verlagerst. Besonders bei Holzfußböden und in Gebäuden mit „doppeltem Boden“, wo Kabel und Rohre unter Platten verlegt waren, die sich etwas über dem eigentlichen Boden befinden. Auch auf Dachstühlen ist da äußerste Vorsicht geboten, da sie oft nur einen Holz- und evtl. Strohboden haben.

Achtet auch auf die Decke! Herunterfallende Deckenverkleidung ist da noch die harmlosere Variante. Als ich in einem alten Berliner Schwimmbad herumging, sah ich ganz zufällig, dass Glasscheiben-Teile wie in Fetzen vom Dach herunterhingen. Auf dem Boden lagen die Reste dieser Scheiben. Was passiert, wenn so ein Scheibenteil herunterfällt und man in dem Moment darunter steht, möchte man sich nicht ausmalen.

Dunkle Gestalten

Die Einleitung dieses Artikels spielte schon darauf an. In einem Lost Place lassen sich manchmal Obdachlose, Aussteiger oder andere Menschen nieder, die keine Wohnung haben. Mit unter auch Menschen, die sich im Schutz der verlassenen Räume verstecken wollen. Zum Beispiel, weil sie vor der Polizei auf der Flucht sind. Also Menschen, denen man vielleicht nicht mit einer teuren Kamera in der Hand und einem jungen, hübschen Model im Schlepptau begegnen möchte. Obdachlose sind oft sehr zurückhaltend und freundlich, zumal sie wissen, dass ihre Behausung nur „geliehen“ ist und sie dort kein Hausrecht haben. Aber auch unter den Obdachlosen gibt es sicherlich schwarze Schafe, die meinen, das Haus gehöre ihnen, und es mit allerlei Mittel verteidigen.

Tatsächlich habe ich so eine Begegnung noch nicht gehabt, Außer neulich, als ich mit Sabine in einem Lost Place in Ingolstadt shooten war. Sie zog sich gerade drinnen um, wir gingen davon aus, dass wir allein sind in dem Gebäude. Ich stand draußen Schmiere und wartete auf ihr Signal, dass sie mit dem Umziehen fertig ist. Als Sabine von drinnen laut rufend fragte, ob ich schon fertig sei, war ich erst einmal verwirrt, denn ich wartete ja auf sie, nicht sie auf mich. Aber als ich ins Gebäude hineinsah, sah ich den Grund: Ein Obdachloser, der offenbar im Gebäude geschlafen hatte, kam nun aus seinem Versteck und schaute sich ganz genau an, was Sabine dort machte. Mich sah er nicht. Mit dem Ruf signalisierte Sabine ihm sofort, dass sie nicht allein war, und mir, dass sie gerade nicht allein sein wollte. Eine sehr geistesgegenwärtige Reaktion. Und ich antwortete sofort „Ja, gerade fertig!“ und ging schnellen und lauten Schrittes ins Haus, die Kamera unter der Jacke versteckt.

Der Obdachlose war in dem Fall nur neugierig und ungeniert. Aber es hätte ja auch anders sein können.

Erwischt werden vom Eigentümer

Zunächst der Disclaimer: Dies hier ist keine Rechtsberatung, sondern meine persönliche Einschätzung. Wenn du ihr folgst, tust du das auf deine eigene Verantwortung.

Auch ein Lost Place hat meistens einen Eigentümer, der separat folgende Aktionen von dir bzw. euch (also dir und deinem Team) genehmigen muss:

  • Zutritt zum Gebäude bzw. Gelände
  • Drehgenehmigung zum Anfertigen von Foto- bzw. Videomaterial auf seinem Privatgrund
  • Falls ihr die Bilder auf Facebook u.ä. veröffentlichen wollt: Ein Property Release für jeden von euch, das euch die Veröffentlichung der Bilder, die ja auf privatem Grund entstanden sind, explizit erlaubt

Wenn du also alles sauber regeln willst, musst du erst einmal den Eigentümer ausfindig machen und ihn kontaktieren. Das ist manchmal gar nicht so einfach. Außerdem wissen die Eigentümer natürlich um den mit unter sehr schlechten Zustand des Gebäudes und um die Gefahren, die dort lauern. Da sie im Zweifelsfall die Verantwortung tragen, wenn euch etwas passiert, werden sie meistens die Genehmigungen nicht erteilen.

Gehst du mit deinem Shooting-Team trotzdem hinein, handelst du komplett auf eigene Gefahr. Und das beinhaltet nicht nur die Verletzungsgefahr, sondern auch die Gefahr, erwischt zu werden. Vom Gelände verwiesen zu werden und Hausverbot zu bekommen, ist dann noch die harmlose Variante. Der Eigentümer kann dich bzw. euch wegen Hausfriedensbruch anzeigen. Einige besonders interessante Objekte sind übrigens durch Überwachungskameras oder einen Wachschutz gesichert, der im Auftrag des Eigentümers regelmäßig patrouilliert.

Vorbeugen kann man hier kaum. Gut, man könnte ausspähen, wann der Wachschutz seine Runden dreht, und diese Zeiten meiden. Man könnte etwas Geld in der Tasche haben für den Fall, dass der Mann vom Wachschutz (oder wer auch immer dich erwischt) bestechlich ist. Man kann versuchen, wenn man erwischt wurde, vorbereitete Vertragsdokumente aus der Tasche zu ziehen und zu sagen „Ach, gut dass ich Sie hier treffe. Schauen Sie mal, ich würde gerne diesen Vertrag hier mit Ihnen schließen, der mir das Betreten, Fotografieren und die Veröffentlichung der gemachten Bilder erlaubt….“  – Die Chance, dass diese dreiste Methode Erfolg hat, ist aber wohl eher gering, und die Chance, dass man die „richtige“ Maßnahme trifft, die beim Gegenüber die gewünschte Wirkung erzielt, ist auch nicht groß.

Was ich für am vielversprechendsten halte in so einer Situation, ist folgendes Verhalten: Offen fürs Gespräch sein, sich aufrichtig entschuldigen, das Feld sofort räumen und nicht diskutieren. Ggf. noch anbieten, die Bilder von der Kamera zu löschen, die du schon gemacht hast. Das mag einige Aufpasser milde stimmen. Eine Anzeige sollte man, denke ich, unter allen Umständen vermeiden.

Ggf. kann es noch sinnvoll sein, darauf zu verweisen, dass es kein Verbotsschild gibt und das Areal frei zugänglich ist (wenn es denn so ist). Wie hier die rechtliche Lage ist, weiß ich nicht, aber zumindest nach gesundem Menschenverstand würde ich vermuten, dass in so einem Fall eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs eher unwahrscheinlich ist. Wenn natürlich der Zugang durch Absperrung und/oder Beschilderung eindeutig verwehrt war, ist die Lage klar. Dann bist du definitiv in der schlechteren Verhandlungsposition.

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Wie finde ich einen Lost Place?

Halte die Augen offen! Auf Spaziergängen und Radtouren, im Vorbeifahren mit dem Auto usw. entdeckt man ab und an leerstehende Gebäude. Bevor du allerdings ein Shooting dort planst, solltest du dich dort umsehen und die Risiken und ggf. alles Rechtliche abklären.

Es gibt viele Foren und Facebook-Gruppen, in denen Lost-Place-Fotos gezeigt werden. Dort herrscht meistens die Regel, dass die Lage des Lost Places vom Fotografen nicht preisgegeben wird. Manchmal hat man aber Erfolg, wenn man den Fotografen direkt danach fragt.

Mundpropaganda: Frage die Kollegen in deinem lokalen Fotoclub! Sicherlich hat schon der eine oder andere in einem Lost Place fotografiert.

Ich habe mir sagen lassen, dass man auch über Geocaching Lost Places findet. Da ich aber kein Geocacher bin, weiß ich nicht, wie das geht. Wenn du dich damit auskennst, schreibe gerne in die Kommentare, wie das funktioniert!

Die sicherste Variante: Eine geführte Fototour durch einen Lost Place. Suche mal in deiner bevorzugten Suchmaschine (ich empfehle Qwant)  nach „Lost Place Fototour [deine Region]“ (ersetze „[deine Region]“ durch deine Stadt oder Region). So kommst du übrigens auch in Gebäude, in die du sonst kaum hineinkommen würdest, weil sie durch Wachschutz oder Kameras gesichert sind.

Ethische Fragen – welche Veränderungen vor Ort fürs Foto sind erlaubt?

Um das perfekte Bild zu bekommen, ist es manchmal verlockend, am Ort einige Veränderungen vorzunehmen. Aber: Ist das okay?

Ist ja eh alles kaputt und chaotisch, werden die einen sagen.

Aber wenn das alle machen, wird es immer kaputter und chaotischer, werden die anderen sagen.

Auch hier der Appell: Handele verantwortungsvoll. Wenn du einen Gegenstand für dein Foto bewegst, bewege ihn danach zurück. Egal, wie schlimm es dort aussieht. Wenn du einen Gegenstand für dein Zielfoto beschädigen müsstest, lass es. Hinterlasse den Ort exakt so, wie du ihn vorgefunden hast. Und lass um Gottes Willen keinen Müll liegen! Auch wenn der Ort bereits aussieht wie eine Müllhalde. Du willst dich nicht auf das Niveau derer begeben, die den Ort so zugerichtet haben. Oder?

Packliste

Zusätzlich zur normalen Kamera- und Blitzausrüstung hier ein paar Tipps, was du bei einem Lost-Place-Shooting dabei haben solltest:

  • Wichtig: Eine helle Taschenlampe
    mit frischen Batterien. Besonders natürlich, wenn ihr im Dunkeln dort seid, aber auch für dunkle Räume ohne Fenster und Beleuchtung nötig. Die LED am Handy reicht nicht!
  • Wichtig: Handy.
    Vor Ort Empfang checken! In Notsituationen ist das evtl. die einzige Möglichkeit, Hilfe zu holen.
  • Tücher zum Unterlegen,
    falls du dich oder dein Model sich für ein Foto hinlegen oder -knien will(st). In Lost Places ist es gewöhnlich sehr staubig und dreckig.
  • Tücher zum Abwischen
    von Dreck von der Kleidung des Models. Schnell ist es passiert, dass die Kleidung etwas abbekommt, was man auf den Bildern dann sieht.
  • Flasche Wasser,
    nicht nur zum Trinken, sondern auch zum Tränken eines Tuchs, mit dem du Staub von der Kleidung wischst usw.
  • Etwas Geld
    falls ihr eine Begegnung „der dritten Art“ habt, lässt sich das Gegenüber evtl. mit Geld besänftigen.
  • Schriftliche Genehmigung
    zum Betreten und Fotografieren. Falls du eine hast, solltest du die auf alle Fälle mitführen.
  • Property Release Formular
    falls du kein Property Release vom Eigentümer hast, führe wenigstens ein Formular mit. Dem Eigentümer, der euch erwischt, das unter die Nase zu halten und um eine Unterschrift zu bitten, kann sehr dreist wirken, aber evtl. lässt er sich sogar darauf ein.
  • Walkie-Talkies
    zur Verständigung, falls ihr euch mal trennt oder falls doch mal einer irgendwo in die Bodendielen einbricht, abstürzt etc. Ein Sicherheitsfaktor. Die funktionieren nämlich auch dort, wo das Handy keinen Empfang mehr hat oder wenn der Handyakku schlappmacht.

Am besten trägst du alles in einer Tasche mit dir. So kannst du diese Tasche schnell schnappen, wenn ihr das Areal zügig verlassen müsst.

Du möchtest ein Pfefferspray mitführen, um dich im Falle eines Angriffs verteidigen zu können? Achtung, hier lauern rechtliche Fallen. Zum einen darfst du in Deutschland nur Pfefferspray kaufen, besitzen und mitführen, das als „Tierabwehrspray“ gekennzeichnet ist (außer, du besitzt einen entsprechenden Waffenschein). Zum anderen darfst du es nur zu eben diesem Zweck mitführen: um dich vor angreifenden Tieren zu schützen. Greift dich ein Mensch an und du verwendest das Pfefferspray in einer absoluten Notwehrsituation, wird das wohl i.d.R. nicht geahndet, aber sicherlich genau polizeilich geprüft. Mehr dazu kannst du hier nachlesen.

Nachbearbeitung – der „Lost-Place-Look“

Viele Lost-Place-Bilder, die man im Internet findet, sind in ganz typischer Weise nachbearbeitet. Meistens wird das Bild düster entwickelt, entsättigt, der „Klarheit“-Regler wird ziemlich hoch gedreht, was die Mikrokontraste anhebt und so die Details der Zerstörung deutlich sichtbar macht.

Je nach gewünschter Bildaussage kann das genau das Richtige sein. Muss es aber nicht. Ich habe auch schon Lost-Place-Bilder gemacht, die ich völlig anders entwickelt habe. Sehr hell , teilweise überstrahlt, dennoch abgefahren oder mystisch.

Es ist, wie so oft, Geschmackssache. Da gibt es kein „Richtig“ oder „Falsch“. Wenn du so etwas öfter machst, wirst du mit der Zeit deinen Stil finden und weiterentwickeln. Mein Tipp: Experimentiere mit der Nachbearbeitung und versuche nicht nur, den gängigen Bildlook nachzuahmen.

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