MOF#013 Spiegellose Systemkamera (DSLM) – Lohnt sich der Umstieg von der DSLR für mich?

Canon und Nikon haben zur Photokina 2018 endlich auch spiegellose Systemkameras mit Vollformatsensor vorgestellt. Sony ist schon länger dabei. Viele Fotografen denken spätestens jetzt über einen Wechsel zur DSLM nach. Aber: Lohnt sich der Umstieg wirklich? Vor- und Nachteile und was ein Umstieg nach sich zieht, liest du in diesem Beitrag.

Vorteile der DSLM: Warum auf eine Systemkamera umsteigen?

Die Entscheidung war nicht leicht. Vor allem war sie teuer. Im Jahr 2016 habe ich den Schritt gewagt, meine erste spiegellose Sony-Systemkamera zu kaufen, obwohl ich bisher komplett mit dem Canon-System fotografiert habe.

Ich hatte einen triftigen Grund: Für meine Gigapixel-Panoramafotografie brauchte ich eine Kamera mit möglichst hoher Sensorauflösung, großem (Vollformat-)sensor und exzellenter Bildqualität inkl. hervorragendem Rauschverhalten. Bei all diesen technischen Aspekten hatte Sony zu der Zeit ganz klar die Nase vorn. Außerdem habe ich bei der Gigapixelfotografie mit Verwacklungen durch den Spiegelschlag zu kämpfen. Auch das fällt bei den Spiegellosen natürlich weg.  Und: Gehört nicht der spiegellosen Systemkamera sowieso die Zukunft? Warum also nicht jetzt schon einsteigen? Also investierte ich in die Sony α7R II und das Sony Zeiss 24-70mm f/2.8 GMaster. Eine Investition, die weh tut. Aber die Gründe waren ja zahlreich.

Ich habe den Schritt fast nie bereut. Diese Kamera ist der Hammer. Warum „fast“? Dazu komme ich weiter unten.

Aber gibt es auch gute Gründe für einen Umstieg, wenn man keine Gigapixel-Panoramafotografie betreibt?

Sicher doch. Jede Menge sogar:

  • Systembedingt kann man im Sucher eine Vorschau des Bildes inkl. der angewendeten Belichtungsparameter sehen. Etwas, was im optischen Sucher einer DSLR nicht möglich ist. Das hilft insbesondere unerfahreneren Fotografen dabei, gute Bilder zu machen.
  • Der elektronische Sucher bietet die Möglichkeit, vielerlei Informationen einzublenden, inkl. dem Live-Histogramm. Das wiederum ist für erfahrenere Fotografen eine große Hilfe.
  • Der elektronische Sucher ermöglicht das Ansehen und Bewerten von fertigen Bildern im Sucher statt auf dem Display. Das ist besonders in sehr heller Umgebung (Sonne) sehr vorteilhaft.
  • DSLMs sind i.d.R. kleiner und leichter als entsprechende DSLRs. Klar, denn es ist viel weniger Mechanik verbaut, die Platz braucht und schwer ist.
  • Es muss kein Spiegel mehr weggeklappt werden, um den Sensor zu belichten. Das ermöglicht DSLMs, optional völlig lautlos auszulösen. Das ist besonders für Hochzeitsfotografen und Konzertfotografen sehr attraktiv.
  • Durch das geringere Auflagemaß (das ist der Abstand zwischen Sensor und Bajonettvorderkante, also dort, wo das Objektiv „aufliegt“), ist es möglich, verschiedenste DSLR-Objektive per Adapter / Abstandsring an der DSLM zu verwenden. Auch z.B. Objektive aus alten Zeiten, die teilw. sehr schöne bis legendäre Bildlooks erzeugen. Der Gebrauchthandel mit Retro-Objektiven boomt wieder, seit DSLMs auf dem Markt sind.
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Nachteile der spiegellosen Systemkamera

Ja, Nachteile gibt es leider auch.

  • Es gibt keinen optischen Lichtpfad mehr vom Objektiv bis zum Sucher. Einigen Fotografen ist dieser Lichtpfad sehr wichtig, denn das vermittelt den Eindruck direkter Kontrolle. Das ist wie beim Auto oder Flugzeug: Wird die Lenkung oder die Bremse direkt per Hydraulik oder Mechanik an die Wirkstelle übertragen, spürt man die Wirkung ganz direkt. Der elektronische Sucher ist dagegen vergleichbar mit „Drive by wire“: Lenkung / Bremse wird in elektrische Signale codiert, die werden übertragen und am Ende wieder decodiert und in die entsprechende Wirkung umgewandelt. Ein völlig anderes Gefühl der Kontrolle, außerdem evtl. mit Verzögerungen behaftet. Zumindest haben die Hersteller die Anzeigeverzögerung des elektronischen Suchers jetzt einigermaßen im Griff, so dass man bei bewegten Objekten quasi keine Verzögerung mehr wahrnimmt.
  • Da der Sensor in Betrieb sein muss, um ein Sucherbild zu liefern, läuft der Sensor im Dauerbetrieb und nicht nur, wie bei der DSLR, während der Bildbelichtung. Das sorgt, neben dem Sucherdisplay und anderer Elektronik in der DSLM, für einen erhöhten Stromverbrauch und für Hitzeentwicklung. Akkus halten nicht mehr so lang bzw. müssen eine höhere Kapazität haben.
  • Der Sensor ist weniger geschützt. Bei der DSLR sind Verschluss und Spiegel vor dem Sensor, außer in dem Moment, wenn das Bild belichtet wird. Besonders beim Objektivwechsel fällt auf, dass der Sensor der DSLM schutzlos offenliegt. Das bedeutet: Er ist stark dem Staub in der Luft ausgesetzt. Durch die größere Hitzeentwicklung am DSLM-Sensor (siehe voriger Punkt) backt der Staub auch viel eher am Sensor fest als bei der DSLR. Es ist also öfter nötig, den Sensor zu reinigen. Aber das ist bei der DSLM wiederum einfacher als bei der DSLR. Siehe dazu auch meine Artikel über Sensorreinigung allgemein und Sensorreinigung bei Sony α-Kameras.
  • DSLMs sind noch relativ neu. Gerade bei Herstellern, die im Kameramarkt noch nicht so erfahren sind (z.B. Sony, im Vergleich zu Erfahrungsträgern wie Canon und Nikon), gibt es Kinderkrankheiten der Kameras. Zum Beispiel ist das Bedienkonzept der Sony-DSLMs noch nicht so ausgereift wie das von Canon- und Nikon-Kameras. Das kann bei professionellem Nutzen der Kamera, wo es auf Schnelligkeit und Zuverlässigkeit ankommt, ein K.O.-Kriterium sein. Auf alle Fälle muss man viel üben.
  • Der Autofokus bei DSLMs war dem bei DSLRs der entsprechenden Preisklasse bis vor sehr kurzer Zeit noch nicht ebenbürtig. Der Autofokus war meist langsamer und weniger zuverlässig, denn durch den fehlenden Spiegel fehlt nun auch der separate Phasen-Autofokus-Sensor, der über einen kleinen Zusatzspiegel hinter dem Hauptspiegel einer DSLR mit einem Teil des Bildes versorgt wurde, um den sehr schnellen und zuverlässigen Phasen-Autofokus zu steuern. Frühere DSLMs hatten daher keinen Phasen- sondern nur den langsameren Kontrast-Autofokus. Um den Phasenautofokus auch in DSLMs zu ermöglichen, wurden die Bildsensoren mit speziellen phasenfokus-tauglichen Pixeln ausgestattet, und das funktioniert seit der 3. Generation von Sony-Vollformat-DSLMs auch sehr gut. Aber wer sich eine ältere DSLM zulegen möchte, der wirdbeim Autofokus Abstrichen machen müssen.
  • Die Kompaktheit der DSLMs (siehe unter Vorteile) kann auch ein Nachteil sein: Wer große Hände hat, dem liegt eine große DSLR evtl. besser in der Hand als eine kompaktere DSLM. Um das Problem zu lösen, kann man optional anschließbare Batteriegriffe verwenden, die die Kamera wieder vergrößern.

Warum nur „fast“?

Ich schrieb weiter oben, dass ich den Umstieg „fast“ nie bereut habe:

  1. Es gibt Situationen, in denen ich die manchmal unlogische Menüstruktur der Sony-DSLMs verfluche. Besonders dann, wenn ich eine Funktion suche, die ich nur sehr selten benutze. Dann kommt es vor, dass ich mehrere Minuten im Menü herumsuchen muss, bis ich sie gefunden habe. Besonders bei den kleineren Kameras wie der Sony α6000 bzw. α6300 und α6500, die weniger Hardware-Knöpfe und -räder besitzen als die Kameras der α7-Serie, passiert so etwas öfter. Immerhin: Vorhandene Knöpfe und Räder lassen sich ziemlich flexibel mit Funktionen aus dem Menü belegen, so dass man die individuell häufig benutzten Funktionen schnell mit einem Finger erreichen kann. Seit der 3. Generation haben die Sony-α-Kameras auch ein Favoritenmenü, wie es Canon schon lange hat. Dort kann man häufiger benutzte Menüpunkte in einem schnell erreichbaren, kurzen Menü ablegen.
  2. Da mir nicht unbegrenztes Budget zur Verfügung steht, konnte ich nicht auf einen Schlag meinen Canon-Objektivpark durch Sony-Objektive ersetzen. Das heißt, dass ich noch einige wichtige Objektive von Canon an den Sony-Kameras verwende, adaptiert mittels Adaptern von Metabones und Commlite. Das funktioniert im Prinzip ganz gut, es gibt aber Kombinationen, die nicht gut funktionieren. Und auch bei Kombinationen aus Kamera, Adapter und Objektiv, die sehr, sehr gut funktionieren, gibt es manchmal unvorhersehbares Verhalten, z.B. funktioniert der Autofokus aus heiterem Himmel kurz nicht. Das kann z.B. auf Hochzeiten sehr hinderlich sein.

 

Was bedeutet das alles für mich? Soll ich umsteigen?

Wenn für dich die Vorteile überwiegen und wenn du das nötige Kleingeld für den Umstieg hast, dann ja.

Beachte beim Budget auch die Folgekosten! Bei einem Systemwechsel wirst du neue Objektive brauchen. Zwar gibt es die Möglichkeit, Objektive eines anderen Systems zu adaptieren (mein nächster Blogartikel wird davon handeln – Trage dich einfach mit deiner E-Mail-Adresse ganz unten auf der Seite unter „Sei dabei“ ein, dann bekommst du automatisch bescheid, wenn der Artikel online ist!). Aber das ist auch mit Nachteilen behaftet und über kurz oder lang wirst du vermutlich Objektive haben wollen, die für deine Kamera gebaut wurden. Gerade bei Sony sind die Objektive besonders teuer.

Nicht für alle Bereiche der Fotografie sind DSLMs gegenwärtig schon besser geeignet als DSLRs. Umgekehrt sind sie für einige Bereiche geeigneter als DSLRs (z.B. eben für meine Gigapixel-Panoramafotografie).

Sportfotografen z.B. werden mit einer DSLR mehr Freude haben als mit einer DSLM, denn bei der Sportfotografie ist es wichtig, dieses direkte Gefühl der Bildkontrolle mittels optischem Sucher zu haben, extrem schnell zu reagieren und einen absolut zuverlässigen Autofokus zu haben.

Ich bin noch unsicher. Wer hilft mir bei der Entscheidung?

Ich helfe dir gerne! Du kannst zu meinem Info-Workshop am Samstag Vormittag, 27.10.2018 in Langenbruck an der A9 kommen. Da können wir auch über deine konkrete Situation und deine Anforderungen sprechen. Du kannst meine Sony-DSLMs in die Hand nehmen und testen. Auch mit adaptierten Canon-Objektiven. Ich gehe da auch noch einmal genauer auf die Vor- und Nachteile sowie technische Details ein.

Du kannst mich auch gerne anrufen für eine Kaufberatung. Die schließt das Abwägen solcher Vor- und Nachteile, speziell in deiner Situation, natürlich ein. Bitte buche dafür eine Beratung:

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